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Lässt sich persönliche Ausstrahlung antrainieren? Charismaentwicklung in der Coachingpraxis (Teil 1)

Publikation: Beitrag in FachzeitschriftArtikel

Abstract

Warum wir bestimmten Menschen eher, oft freiwillig folgen als anderen, warum manche Menschen auf uns besonders wirken, uns beeinflussen, ja vereinnahmen und von ihren Ideen überzeugen können, sind rätselhafte Aspekte im täglichen Miteinander. Während die Esoterik von der energetischen Aura eines Menschen spricht, nennt es der Alltagsmensch Ausstrahlung, Präsenz oder einfach Persönlichkeit. In der Führungsforschung wird dieses Phänomen unter dem Begriff Charisma analysiert. Charismatic Leadership ist in den USA seit den 1970er Jahren intensiv untersucht worden. Die europäische, speziell die deutsche Forschung hatte aufgrund negativer historischer Erfahrungen gewisse Vorbehalte gegenüber Charismatikern. Deren Erscheinung wurde ambivalent betrachtet, oft als Menschenfängerei, Populismus oder eitler Größenwahn abgetan. Dennoch bleibt die Faszination für beeindruckende Persönlichkeiten: Wie machen die das? Wie gelingt ihnen das? Was kann ich von ihnen lernen? Welche Aspekte ihres Auftretens lassen sich vielleicht in das eigene Verhalten übernehmen, um erfolgreicher zu werden oder zumindest zu wirken? Die Beschäftigung mit Charisma ist längst nicht mehr auf den politischen Bereich und die Führungspraxis beschränkt, sondern hat Einzug in viele andere Bereiche, speziell die Sphäre der Influencer und „Internet-Stars“ gefunden. Letztlich ist persönliche Ausstrahlung in sämtlichen Lebensbereichen und Berufsfeldern relevant. In einer Zeit permanenter Sichtbarkeit und gesteigerter Anforderungen an persönliche Wirksamkeit gewinnt die Frage, ob und wie Charisma entwickelt werden kann, neue gesellschaftliche Bedeutung. Was früher als geheimnisvolle Gabe erschien, wird heute zunehmend zum Gegenstand bewusster Persönlichkeitsarbeit und professioneller Trainingspraxis. Nachfolgend werden die Erkenntnisse gebündelt, die aus Tiefeninterviews mit sieben hochkarätigen Charisma-Coaches gewonnen werden konnten. Ihre Antworten zeigen, dass sie ihre Rolle nicht darin sehen, rhetorisches Blendwerk und menschliche Täuschungskunst zu vermitteln. Auch lehnen sie das Antrainieren plumper Verkaufsförderungs- und Manipulationstechniken ab. Vielmehr lässt sich in ihren Antworten ein ganzheitlicher Ansatz erkennen, der Erfahrung und Reflektiertheit widerspiegelt. Charisma erscheint hierbei eng verknüpft mit Persönlichkeitsentwicklung, kritischer Selbstanalyse, charakterlicher Integrität, Begeisterung für ein Thema, echtem Interesse für die Mitmenschen und situativem Gespür für das gerade angebrachte Verhalten, ob in Vorträgen oder spontanen zwischenmenschlichen Begegnungen. In den Interviews kamen außerdem konkrete Techniken und Persönlichkeitsvoraussetzungen, aber auch kritische Punkte wie Manipulation, Narzissmus und Missbrauch zur Sprache. Schlussendlich integriert der Beitrag verstreute Einsichten aus Charismaforschung, Führungspsychologie, Rhetorik, Kommunikations- und Kulturtheorie zu einer kritisch-reflektierten Gesamtschau moderner charismatischer Wirksamkeit.
OriginalspracheDeutsch
Seiten (von - bis)37-57
Seitenumfang21
FachzeitschriftUniversitas
Jahrgang81
Ausgabenummer6
PublikationsstatusVeröffentlicht - Juni 2026

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